Wozu Welt-Liebe ?

Bei "Welt-Liebe" geht es darum, die - neben der privaten und religiösen - dritte, kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung der Liebe für eine nachhaltige Zukunft von Mensch und Erde zu erschließen. Diese dritte Dimension und Bedeutung von Liebe, die wir als "Welt-Liebe" bezeichnen, hat in sich wiederum verschiedene Momente:

 

1. Welt-Liebe hat ein möglicherweise sehr starkes interkulturelles Verständigungspotenzial: in allen Kulturen bzw. Religionen findet sich "Liebe" als zentrale Qualität ihres Weltbildes und ihres Ethos. Die moderne Neurobiologie weist nach, dass Liebe eine Haltung ist, welche Menschen dazu begeistert, über sich selbst hinauszuwachsen. Und die Quantenphysik zeigt uns, dass alle Teilchen auf eine eigenartige Weise voneinander wissen, was das andere macht.

Eine modern entwickelte und kommunizierte Kategorie „Liebe“ bzw. "Welt-Liebe" könnte so vielleicht maßgeblich dazu beitragen, dass sich die Menschen und Völker bei aller kulturellen und individuellen Vielfalt darin verbunden fühlen, und daraus Mut und Weisheit für die Zukunft ihres gemeinsamen Planeten Erde schöpfen. 

 

2. Welt-Liebe kann auch die oft krisenhaften privaten Formen der Liebe entlasten und so eine Art Erleichterung und zugleich Inspiration in das Leben vieler Menschen bringen. Weil die Dimension "Welt-Liebe" in der modernen Kultur bisher kaum bekannt ist, jedoch als starkes Potenzial im Herzen vieler Menschen wohnt, wird all die damit verbundene überpersönliche Sehnsucht und Energie oft auf die uns bekannten Dimensionen der Liebe projiziert: Entweder "spirituell in den Himmel" - was zur Enttäuschung führt, da die Sehnsucht einer liebevollen Wirklichkeit sich auf diese Welt bezieht. Oder auf einen Liebespartner - was auch zu Enttäuschungen und vielen Familienkrisen führt, da kein Mensch dieser überpersönlichen Sehnsucht gerecht werden kann. Die sinnvollere Lösung ist es anzuerkennen, dass in uns Menschen auch diese dritte Dimension der Liebe lebt. Das kann dazu führen, sich dem eigenen Potenzial entsprechenden Aufgaben für eine liebevollere Welt zu widmen. Und es kann dazu führen, nicht alle Resonanzen zwischen zwei Menschen als intime Liebesbeziehungen mit entsprechenden Konflikten zu missdeuten, sondern auch die Formen intensiver Kommunikation anzuerkennen und anzustreben, welche die Dichter und Denker als "Freundschaft" des gemeinsamen Wirkens für eine schönere Welt bezeichneten. So z.B. Friedrich Hölderlin in seinem "Hyperion": "Die Liebe gebar einst Jahrtausende voller lebendiger Völker, nur die Freundschaft kann sie wiedergebären."


Gespräch von Anselm Grün und Maik Hosang zur Idee der Welt-Liebe